Wann und wie Kinder Werte lernen

von Simone Pfeffer und Michael Göppner-Pfeffer

Kinder lernen moralisches Denken und Handeln in einem schrittweisen Prozess. Sie werden dabei von verschiedenen Einflüssen geprägt. Das Elternhaus spielt eine entscheidende Rolle, aber auch Kindergarten und Schule und die Freunde in der Nachbarschaft prägen die Erfahrungen des Kindes. Im Verhalten des Menschen der nahen Umgebung spiegeln sich die Werte der Kultur, die aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen und die Rassen-, Religions- und Schichtzugehörigkeit wieder.

Robert Coles (1998) bezeichnet die sich allmählich entwickelnde Fähigkeit zwischen richtig und falsch, gut und böse zu unterscheiden als moralische Intelligenz.

„Moralische Intelligenz erwirbt man nicht durch das Auswendiglernen von Regeln oder Vorschriften oder durch abstrakte Schuldiskussionen und häuslichen Gehorsam. Vielmehr wachsen wir moralisch, indem wir lernen, mit anderen umzugehen und uns in dieser Welt zu verhalten – ein Lernprozess, der darauf beruht, dass wir uns zu Herzen nehmen, was wir gesehen und gehört haben. Das Kind ist ein Zeuge, es ist ein ständig wachsamer Zeuge der Moral Erwachsener – oder ihres Fehlens“ (ebd. S. 17).

Der Erwachsene ist also Vorbild und damit Beispiel für gelebte Werte.

Die moralische Entwicklung wird oft als Einbahnstraße dargestellt. Doch sidn Erwachsene in der Familie, im Kindergarten und in der Schule in einem ständigen Austausch mit den Kindern. Beide Seiten können voneinander lernen. Die charakterliche Bildung ist ein lebenslanges Wechselspiel, obgleich die wesentlichen Grundlagen frühzeitig gelegt werden.

Bereits vor der Geburt wird das Kind von den Wertvorstellungen seiner Eltern beeinflusst, nach denen sie ihr Verhalten ausrichten. Eine fürsorgliche Einstellung hat unmittelbare Konsequenzen für den heranwachsenden Fötus. Sie drückt sich beispielsweise im Verzicht auf bestimmte Genussmittel wie Rauchen oder Alkohol aus oder auch in der Art, wie sich ein Mann um seine schwangere Frau kümmert.

Wird das neue Leben geprägt davon, an andere zu denken und für sie da zu sein oder steht das Desinteresse und die direkte Befriedigung eigener Bedürfnisse im Vordergrund? Wenn nicht das Wohl des Kindes und Rücksichtnahme den Wertrahmen bilden und das Kind nicht von Anfang an wertgeschätzt wird, ist seine Entwicklung z. B. durch den Konsum von Alkohol und anderen Drogen bereits gefährdet.

Neben der Vorbildwirkung der Bezugspersonen und der Erfahrung der Werte und Normen durch das Handeln der Menschen in der sozialen Umgebung werden diese Leitlinien natürlich auch darüber vermittelt, dass Erwartungen über Normen direkt ausgesprochen und eingefordert werden. Die persönliche Erfahrung und das erlebte Vorbild scheint jedoch die eindrücklichste Vermittlung von moralischen Standards zu sein.

Der Entwicklungspsychologe Lawrence Kohlberg beschreibt die Entwicklung des moralischen Urteilsvermögens in einem komplexen sechsstufigen Modell, das weit in das Erwachsenenleben hineinreicht. Dabei werden die letzten Moralstufen nur von einigen Menschen erreicht. Charakteristisch für die kindliche Moral ist die Kluft zwischen morlaischem Wissen und moralischem Wollen, meint die Professorin Getrud Nunner-Winkler und beschreibt eine schrittweise Entwicklung der Moralvorstellungen bei Kindern. Das Wissen im moralische Normen und Werte entwickelt sich bereits früh. Bei ihrer Untersuchung zur moralischen Entwicklung von Kindern fand Nunner-Winkler heraus, dass beispielsweise bereits 98% der Vierjährigen angaben, dass man nicht stehlen darf. Kinder wissen, dass man ein anderes Kind nicht verletzen oder Eigentum nicht schädigen soll, und sie erklären, dass man einem anderen Kind von einem Getränk abgibt, wenn es Durst hat, oder ihm bei einer Aufgabe hilft.

Sie haben eine klare Vorstellung von grundlegenden moralischen Normen und können ohne langes Nachdenken beurteilen, was eine Lüge oder ein Diebstahl ist. Warum man nicht stehlen darf, wird mit der Norm selbst begründet („Das darf man nicht“). Ebenfalls früh unterscheiden Kinder eine moralische Norm wie z. B. andere nicht zu schlagen oder ihnen keine Sachen wegzunehmen von einer konventionellen Norm, zu der beispielsweise Tischmanieren oder Regeln der Begrüßung zählen, und bewerten sie als verschieden wichtig. Abweichungen von einer konventionellen Norm werden von den Kindern eher akzeptiert, während eine Abweichung von einer moralischen Norm als schlecht befunden wird.

Das Wissen um die Normen ist also bereits früh und relativ differenziert vorhanden. Das bedeutet jedoch nicht, dass kleinere Kinder bereits in verschiedenen Situationen in angemessener Weise moralisch kompetent urteilen können. Dazu bedarf es weiterer sozialer und kognitiver Entwicklungsschritte. Nötig sind dazu unter anderem eine gesteigerte Fähigkeit zur Empathie, die mit einem vertieften Verständnis der Gefühle anderer und ihrer Motive verbunden ist, und ein erweitertes Zeitkonzept, das Entwicklungen und Konsequenzen mit einbezieht.

Erst im weiteren Lebensverlauf entwickeln Kinder die moralische Motivation, also den eigenen Willen, von innen heraus moralisch zu handeln. Dabei gibt es große Unterschiede. Während es für manche Kinder bereits mit vier oder fünf Jahren möglich ist, moralisch zu handeln, gibt es andere, die der persönlichen Moral auch im Alter von siebzehn Jahren wenig persönliche Bedeutung beimessen. Wie es zu diesen großeb Unterschieden kommt, ist bisher nicht ganz klar. Vermutet wird, dass die Moral, die Kinder an dem Verhalten ihrer Eltern oder anderer bedeutender Bezugspersonen ablesen, also das gelebte Vorbild, eine bedeutsame Rolle spielt. Die Vorbildverwirkung des Erwachsenen und das Lernen am Modell treten also in dem Bereich der Wertebildung besonders hervor. Daher scheint es sinnvoll, sich als Mensch, der mit Erziehungsaufgaben betraut ist, ab und zu die Zeit zu nehmen, über die eigenen aktuellen Werthaltungen und die Art der eigenen Umsetzung zu reflektieren.

Aus: Pfeffer, Simone und Göppner-Pfeffer, Michael: Ich achte gern auf dich und mich. Herder 2007, S.47ff.